Schwammgarten: Regenwasser im Garten versickern lassen, speichern und nutzen
Bis vor wenigen Jahren hatte Regenwasser im Hausgarten nur eine Aufgabe: möglichst schnell weg, über Rinne, Fallrohr und Kanal. Seit 2018 sehen wir in Marburg und Umgebung jeden Sommer dieselben Gärten: Rasen ab Juli braun, Beete trotz Gießen schlapp. Und im Herbst steht nach einem Starkregen der Keller unter Wasser. Beides hat dieselbe Ursache. Das Wasser ist da, nur nicht dort, wo es gebraucht wird, und nicht dann.
Dieser Leitfaden zeigt, wie Sie Regenwasser im Garten versickern lassen, speichern und nutzen, was rechtlich gilt und in welcher Reihenfolge man vorgeht. Wer lieber mit einem Fachmann vor Ort anfängt: Unsere Gartenberatung vor Ort kommt mit Mitschrift und grobem Kostenrahmen.
Darf ich Regenwasser im Garten versickern lassen – und sollte ich?
Die Rechtslage in Hessen in Kürze:
- Bundesrecht. Nach § 55 Abs. 2 Wasserhaushaltsgesetz (WHG) soll Niederschlagswasser ortsnah versickert, verrieselt oder ohne Vermischung mit Schmutzwasser in ein Gewässer eingeleitet werden, soweit keine Vorschriften und keine wasserwirtschaftlichen Belange entgegenstehen.
- Landesrecht. Das Hessische Wassergesetz geht in dieselbe Richtung: Niederschlagswasser „soll von der Person, bei der es anfällt, verwertet werden“, wenn wasserwirtschaftliche und gesundheitliche Belange nicht entgegenstehen (§ 37 Abs. 4 HWG).
- Bauordnung. Die nicht überbauten Flächen eines bebauten Grundstücks sind „wasserdurchlässig zu belassen oder herzustellen“ und zu begrünen (§ 8 Abs. 1 HBO). Eine Kieswüste auf Folie ist damit kaum vereinbar.
- Gemeinde. Die Abwassersatzung Ihrer Gemeinde regelt den Anschluss an den Kanal und die Gebühr. Die Stadt Marburg verlangt zum Beispiel bei Neubauten und Erweiterungen ab 50 qm Grundfläche eine Anlage, die das Regenwasser sammelt, verwertet, versickert oder gedrosselt ableitet (§ 7a Abwassersatzung Marburg).
Was ist ein Schwammgarten? Das Wasser-zuerst-Prinzip
Der Begriff kommt von der Schwammstadt. Städte sollen möglichst viel Regenwasser möglichst lange halten, wie ein Schwamm, der sich mit Wasser vollsaugt. Im Hausgarten geht das im Kleinen genauso, und oft einfacher und billiger als gedacht.
Unser Planungsgrundsatz dafür heißt Wasser zuerst. Bevor Terrasse, Mauer oder Beet einen Platz bekommen, entscheidet der Plan, wo der Regen fällt, wohin er fließt und wo er bleibt. Dann erst kommt der Rest. Wer es umgekehrt macht, baut später teuer um.
Jens Maute hat diesen Ansatz in seinem Buch „Wasser im Garten clever managen“ (Kosmos, 2026) ausführlich beschrieben, mit Bauanleitungen, Pflanzenlisten und Rechenbeispielen. Das Buch wurde mit dem Deutschen Gartenbuchpreis 2026 ausgezeichnet (1. Platz, Bester Ratgeber). Dieser Leitfaden ist die Kurzfassung für Gärten im Marburger Land.
Schritt 1: Wo fällt das Wasser, wo bleibt es? (Bestandsaufnahme)
Bevor irgendetwas gebaut wird, lohnt ein Rundgang bei Regen. Drei Fragen:
Wie viel Wasser kommt vom Dach? Ein Rechenbeispiel, das wir seit Jahren verwenden: Bei einer Dachfläche von 100 qm und einem jährlichen Niederschlag von 600 mm ergeben sich 60 cbm Regenwasser im Jahr (0,60 m x 100 qm = 60 cbm). Das sind 60.000 Liter, die heute in den meisten Gärten im Kanal „entsorgt“ werden. Dazu kommen Garagendach, Terrasse, Einfahrt.
Wohin läuft es? Wo enden die Fallrohre? Wo steht nach einem Gewitter das Wasser, wo läuft es über den Weg? Die tiefste Stelle im Garten ist meist der natürliche Platz für eine Sickermulde.
Wie durchlässig ist der Boden? Das zeigt ein einfacher Sickerversuch:
- Graben Sie an der geplanten Stelle ein Loch, etwa 30 x 30 cm und 30 cm tief.
- Füllen Sie es mit Wasser und lassen Sie es versickern. Das sättigt den Boden.
- Füllen Sie erneut bis zum Rand und messen Sie mit einem Zollstock, wie viele Zentimeter das Wasser in einer Stunde sinkt.
Versickert das Wasser innerhalb weniger Stunden, ist der Boden gut geeignet. Steht nach einem Tag noch die Hälfte im Loch, ist er für eine Mulde ohne Bodenverbesserung zu dicht. Rund um Marburg haben wir es häufig mit Lehmböden zu tun, die Wasser lange halten. Das ist kein Ausschlussgrund, aber die Mulde wird dann größer, flacher oder bekommt einen Überlauf. Für die genaue Bemessung arbeiten Fachplaner nach dem Regelwerk DWA-A 138-1; als gut versickerungsfähig gelten danach Böden mit einem Durchlässigkeitsbeiwert (kf-Wert) zwischen 1·10⁻³ und 1·10⁻⁶ m/s, also von Kies und grobem Sand bis zu schluffigem Sand.
Schritt 2: Versickern – Sickermulde und bepflanzte Rinne
Die Sickermulde ist das Herzstück des Schwammgartens. Eine flache, begrünte Senke, meist nur 20 bis 30 cm tief, in die das Fallrohr über eine offene Rinne entwässert. Das Wasser steht nach einem Regen ein paar Stunden darin und versickert dann durch den belebten Oberboden, der es dabei reinigt. Kein Schacht, keine Technik, keine Pumpe.
Zwei Varianten:
- Rasenmulde. Am einfachsten und günstigsten, fällt im Rasen kaum auf.
- Bepflanzte Mulde oder Rinne. Mit Stauden, die mal nasse Füße und mal Trockenheit vertragen. Schöner, mehr Leben, etwas mehr Pflege.
Wichtig sind ausreichend Abstand zum Keller und zur Grundstücksgrenze und ein Überlauf für den Fall, dass die Mulde bei einem Jahrhundertregen voll ist. Wie groß die Mulde für Ihre Dachfläche sein muss und wie sie gebaut wird, steht im Artikel Sickermulde im Garten anlegen.
Welche Pflanzen vertragen Nässe und Trockenheit?
Klassische Teichrandpflanzen sind ungeeignet, sie vertrocknen im August. Reine Steppenpflanzen faulen in der Mulde. Gesucht ist die Mitte.
Schritt 3: Speichern – Boden, Zisterne, Regensammler
Der größte Wasserspeicher im Garten ist nicht die Zisterne. Es ist der Boden. „Ein Kubikmeter humusreicher Boden speichert mehrere Hundert Liter Wasser und bringt vielfältiges Leben in den Garten“, hat Jens Maute im Sommer 2026 gegenüber ÖKO-TEST gesagt. Wer seinen Boden mit Kompost und Mulch aufbaut, statt ihn mit Vlies und Kies abzudecken, legt den billigsten Speicher an, den es gibt.
Dann die Zisterne. Sicher, eine Regentonne ist schneller aufgestellt und leicht zu bedienen, hat aber leider ein sehr geringes Volumen. Das Wasser darin steht in Sonne und Wärme und wird schnell brackig. Eine Zisterne liegt in der Erde, dunkel und kühl, man sieht sie nicht und sie nimmt keinen Platz weg. Bei Neubauten werden oft Zisternen mit rund 7 cbm eingebaut. Das ist unserer Meinung nach viel zu klein, wenn vom Dach 60 cbm im Jahr kommen. Wie groß Ihre Zisterne sein sollte und was sie kostet, steht im Artikel Zisterne im Garten: Größe und Kosten.
Drei Möglichkeiten, eine Zisterne einzubinden:
- Zisterne mit Überlauf in den Kanal. Was nicht hineinpasst, geht in die Vorflut (den Kanal).
- Zisterne mit Retentionsteil. Ein zusätzlicher Stauraum hält bei Starkregen Wasser zurück und gibt es gedrosselt an den Kanal ab.
- Zisterne mit anschließender Versickerung. Der Überlauf geht in eine Mulde oder Rigole auf dem eigenen Grundstück. Das ist die Schwammgarten-Lösung, und sie spart die Niederschlagswassergebühr für diese Fläche (siehe unten).
Für kleine Budgets gibt es den Fallrohr-Regensammler: ein Einsatz im Fallrohr, der das Wasser in die Regentonne lenkt und den Rest weiter ableitet. Ein guter Anfang, aber kein Ersatz für Boden und Mulde.
Schritt 4: Nutzen – Sumpfbeet, Gießen ohne Trinkwasser
Gespeichertes Wasser ist nur so viel wert wie die Art, wie es genutzt wird.
Das Sumpfbeet. Ein Beet mit einer Abdichtung im Untergrund, das vom Fallrohr oder vom Zisternenüberlauf gespeist wird. Das Wasser bleibt im Wurzelraum stehen, statt zu versickern. Darauf wachsen Pflanzen, die im Juli feuchte Füße haben wollen, und der Garten bekommt einen Ort, an dem es auch im Hochsommer grün ist.
Gießen mit Regenwasser. Regenwasser ist für Pflanzen verträglicher als Leitungswasser, es ist weich und hat keinen Kalk. Gießen Sie selten, aber durchdringend, am besten morgens. Wer jeden Abend ein bisschen sprengt, erzieht seine Pflanzen zu flachen Wurzeln. Wer einmal pro Woche 10 bis 20 Liter je Quadratmeter gibt, bringt das Wasser dorthin, wo die Wurzeln es im August noch finden.
Schritt 5: Entsiegeln – versickerungsfähiges Pflaster statt Schotter
Jeder Quadratmeter Asphalt, Verbundpflaster oder Kies auf Folie schickt sein Wasser in den Kanal. Pflaster mit offenen Fugen, Rasenfugen, wassergebundene Decken oder Schotterrasen lassen es dort versickern, wo es fällt.
Das lohnt sich nicht nur für den Garten. In Marburg hängt die Niederschlagswassergebühr direkt davon ab, wie dicht eine angeschlossene Fläche ist.
| Fläche | Beispiele | Faktor | Gebühr je 100 qm und Jahr |
|---|---|---|---|
| Vollversiegelt | Dächer, Asphalt, Verbundpflaster, Pflaster mit Fugenverguss | 1,0 | 73,00 € |
| Teilversiegelt | Gründach, Splitt- und Rasenfugenpflaster, wassergebundene Decke, Platten ohne Fugenverdichtung | 0,5 | 36,50 € |
| Sonstige | Porenpflaster, Drainsteine, Rasengittersteine, lockere Kies- und Splittdecken, Schotterrasen | 0,3 | 21,90 € |
| Unversiegelt | Rasen, Beete, Wiese | 0,0 | 0,00 € |
| Angeschlossen an eine Anlage ab 2 cbm ohne Notüberlauf in den Kanal | z. B. Zisterne mit Versickerung | gilt als nicht angeschlossen | 0,00 € |
| Angeschlossen an eine Anlage ab 2 cbm mit Notüberlauf in den Kanal | z. B. Zisterne mit Kanalüberlauf | 50 % des Flächenwerts | 36,50 € bei Dachfläche |
Quelle: Abwassersatzung der Universitätsstadt Marburg, § 23 Abs. 1, 3 bis 5, i. d. F. des III. Nachtrags vom 21.11.2024; Gebühr 0,73 € je gewichtetem qm und Jahr
Andere Gemeinden im Landkreis rechnen mit eigenen Sätzen; die Satzung gibt es im Rathaus oder auf der Website der Gemeinde.
Und der Schottergarten? Er spart weder Arbeit noch Wasser. Wahre Kieswüsten entstehen, die Steine speichern Wärme und geben sie nachts wieder ab, unter der Folie verarmt der Boden. Der Rückbau ist meist einfacher als gedacht: Folie raus, Kies als Wegebelag oder Drainageschicht weiterverwenden, Boden mit Kompost aufbauen, bepflanzen.
Wenn sich Regenwasser im Garten staut: Ursachen und Abhilfe
Steht nach jedem Regen Wasser auf dem Rasen, hat das fast immer eine dieser Ursachen:
- Verdichteter Boden. Typisch bei Neubauten: Der Bagger ist über den Garten gefahren, dann kam Mutterboden obendrauf. Darunter liegt eine Schicht, durch die kaum Wasser kommt. Abhilfe: Tiefenlockerung, dann Kompost einarbeiten und tief wurzelnde Pflanzen setzen.
- Lehm oder Ton. Der Boden ist von Natur aus dicht. Abhilfe: Wasser nicht flächig verteilen, sondern gezielt in eine größere, flache Mulde mit Überlauf leiten.
- Fallrohr endet auf dem Rasen. Das gesamte Dachwasser landet auf wenigen Quadratmetern. Abhilfe: über eine Rinne in eine Mulde oder ein Sumpfbeet umleiten.
- Falsches Gefälle. Das Wasser läuft zum Haus statt davon weg. Abhilfe: Gelände neu modellieren, bevor die nächste Terrasse gebaut wird.
Die Drainage, also Rohre im Boden, die das Wasser in den Kanal leiten, ist der letzte Ausweg, nicht der erste. Sie löst das Problem im Winter und schafft eins im Sommer. Unser Ziel ist, alles Wasser, das auf dem Grundstück fällt, im Garten zu halten.
Was kostet ein Schwammgarten-Umbau?
Drei Ausbaustufen, damit Sie sich einordnen können, von der günstigsten zur aufwendigsten:
| Ausbaustufe | Was dazugehört | Aufwand |
|---|---|---|
| 1. Einstieg | Regensammler oder Regentonne, Fallrohr über eine Rinne in eine Rasen- oder Staudenmulde umleiten | auch in Eigenleistung machbar |
| 2. Speichern | wie Stufe 1, dazu eine Erdzisterne mit Pumpe und Überlauf in die Mulde | Bagger, Aushub und Anschlüsse: Fachbetrieb |
| 3. Komplettumbau | Entsiegelung von Wegen und Terrasse, Mulden, Sumpfbeet, Zisterne, Bodenaufbau und Bepflanzung | Planung, dann Bau in Abschnitten |
Quelle: Gartenarchitektur & Landschaftsbau Jens Maute, Stand 2026
Was Ihr Garten davon braucht und was es kostet, sagen wir nach dem Ortstermin.
Alle Leistungen rund ums Regenwasser, von der Planung bis zum Bau, finden Sie unter Regenwasser im Garten.
Häufige Fragen
Was ist ein Schwammgarten?
Ein Garten, der Regenwasser aufnimmt, speichert und langsam wieder abgibt, statt es in den Kanal zu leiten. Er hält den Garten im Sommer länger grün und entlastet bei Starkregen Kanal und Keller.
Wie mache ich meinen Garten zum Schwammgarten?
In fünf Schritten: erst Bestandsaufnahme (Dachfläche, Gefälle, Sickerversuch), dann Versickern in Mulden und Rinnen, Speichern in Boden und Zisterne, Nutzen mit Sumpfbeet und Regenwasser zum Gießen, zuletzt Entsiegeln. Anfangen können Sie mit einem einzigen Fallrohr.
Wie kann ich Regenwasser im Garten speichern?
Im Boden (Humus speichert mehrere Hundert Liter je Kubikmeter), in einer Erdzisterne und, für kleine Mengen, in einer Regentonne. Die Zisterne sollte deutlich größer sein als die üblichen 7 cbm.
Darf ich das Regenwasser einfach auf den Rasen laufen lassen?
Ja, solange es auf Ihrem Grundstück bleibt und weder zum Nachbarn noch an Ihre eigene Kellerwand läuft. Fragen Sie bei Ihrer Gemeinde nach, ob Ihre Abwassersatzung etwas anderes vorschreibt.
Wo fange ich an?
Mit einem Plan, bevor die nächste Terrasse gepflastert wird. Wenn Sie uns Ihren Garten kurz beschreiben, melden wir uns mit einem Vorschlag: Anfrage zum Thema Regenwasser. Wer selbst tiefer einsteigen will, findet im Buch „Wasser im Garten clever managen“ alle Bausteine mit Bauanleitung.
Planung in Mittelhessen
Das Buch zum Thema
